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Kaiserverlag

Wurlitzergassen 22 zwozl-zwozl

Profitheater Aktuell Neu Dramatik, Zeitstücke
Besetzung: 1D / / variabel
Typ:
Stück für eine ältere Dame und einen Papagei
Anmerkung:
ca. 90 Min

Mirl und Gogol, jahrzehntelang sind sie unzertrennlich. Bis Gogol eines Tages tot in der Ecke liegt. Die „schwarze Oma“ hatte dem Papagei beigebracht, seine Wohnadresse vor sich hin zu plappern: Wurlitzergassen zwozl-zwozl.
Mirl und Gogol haben nicht nur schöne Tage gesehen – die schwere Kindheit, Krieg, familiärer Zerfall, Not. Das Ende ihres Lebens verbringt Mirl in einem Heim, und um mit ihrer Einsamkeit und ihren Erinnerungen fertig zu werden, lässt sie Gogol wieder aufleben. Wie früher sitzt er auf ihrer Schulter, er rückt ihre Reminiszenzen zurecht, denn die bringt Mirl manchmal etwas durcheinander. Sie lassen ihr Leben Revue passieren, singen alte Lieder. Dann macht sich Mirl auf ihren letzten Weg, sie will nochmal in die Wurlitzergassen 22 ….

Taktvoll beschreibt Felix Mitterer die letzten Tage einer alten Frau. Mit jedem Kapitel fängt er die besondere Atmosphäre schwieriger Zeiten ein, reflektiert über ein verflochtenes Leben, vom Beginn des vorigen Jahrhunderts bis heute.


Leseprobe

2. Kapitel

MIRL:
Und wamm! Wamm! Die Mama hats gehört ghabt, beim offenen Kuchlfenster. Im Hof, von den andern Kindern, da hast die tollsten Sachen glernt. Deshalb hat sie uns ungern in den Hof gelassen. Die nach der Schrift Redende. Mir hats gefallen! – „Aufmucken, Bluat spucken, aufreiben, Zähnd speiben.“ Na ja, nicht alles hat mir gefallen. „Ich bin ein Kind, ein deppertes, in meinem Hirn da scheppert es.“

GOGOL:
In deinem Hirn da scheppert es, zwozl-zwozl!

MIRL:
Du bist mir lästig, Gogol. Wie ausgewechselt. Frech wie noch nie. Hoffentlich lebst nimmer lang.

GOGOL:
Grobian! Grobian, zwozl-zwozl!

MIRL:
Ich bin kein Grobian, ich bin ein Liebian.

GOGOL:
Ja, eh! Ja, eh! Er war der Grobian, zwozl-zwozl! Hast du von ihm gelernt.

MIRL:
Er war der Grobian, der Papa. Jähzornig. „I bin der Zurn!“ hat er mit seiner Bassstimm gsagt, wenn er gut aufglegt war.

GOGOL:
I bin der Zurn!

MIRL:
Wie ein Gewitter war das. Sinnlos herumgeschrien. Nachher hat er nicht mehr gewusst, um was es gegangen ist. Wir alle fertig und er bestens gelaunt!

GOGOL:
I bin der Zurn, zwozl-zwozl!

MIRL:
Im Alter dann immer schlampert dahergekommen. Immer schlamperter. Sag ich zu ihm: „Die Hosen schaut ja aus, als hätt’s die Kuh in der Goschen ghabt.“ Bauernsprache. Wir stammen ja beide von Bauern ab. Vom Land. Sind ja alle vom Land in die Stadt.

GOGOL:
Als Kind warst du auch schlampert, zwozl-zwozl.

MIRL:
Als Kind war ich auch schlampert. Die Zöpf immer aufgelöst, wollt offene Haar. Weite, zrissene Turnhosen, weiter Oberteil, voller Dreck und Speck. Hat ihm nicht gefallen. „Kommst daher, als wärst mitn Hintern voraus durchn Zaun gschlüpft.“ Und wamm! Genau wie die Mutter. Beide Schlagende. Und wamm! - Im Alter ist er immer öfter hingefallen, der Papa. Nein, ist nicht wahr. Meistens ist er nur gestolpert.

GOGOL:
Ein guter Stolperer kugelt selten.

MIRL: (singt)
Stieglitz, Stieglitz, Zeiserl ist krank. Gemma zum Bader, lass ma’s zur Ader,...

MIRL und GOGOL: (fällt ein)
...Stieglitz, Stieglitz, Zeiserl ist krank.

MIRL:
Ich möcht heim in die Wurlitzergassen.

GOGOL:
Wurlitzergassen 22, zwozl-zwozl!

MIRL:
Aber das Haus steht nicht mehr, ich weiß es eh.

GOGOL:
Steht nicht mehr! Steht nicht mehr! (Hört Stimme.) Ja, ich nehms ja zurück! Felsenfest steht das Haus. Bis die nächste Mur kommt. (Erhält einen Stich im Gehirn verpasst.) Aua! Mein Kopf! Mein Kopf! - Ja, ich nehms ja zurück! Keine Mur kommt!

MIRL:
Der Papa ist in der Nacht durch das Fenster ausgestiegen, zu einer Unterhaltung, rückwärts dann wieder herein, blieb aber zwischen den Gitterstäben mit den Ohren hängen. Wollt wieder heraussteigen, aber da war schon die schwarze Oma da.

GOGOL:
Du schlamperte Mirl.

MIRL:
„Und wie die Mirl im Leben war, war sie auch in ihren letzten Stunden. Da hätt sie sollen ihren Geist aufgeben, hat ihn nirgends gfunden.“ Hat mir die Mama immer vorgesagt. Und natürlich mich gemeint. Recht hat sie gehabt.

GOGOL:
Die schlamperte Mirl, zwozl-zwozl.

MIRL:
Ich wollt als Kind immer Märtyrerin werden. Wozu ist man sonst auf der Welt?

GOGOL:
Hupf in’ Gatsch und grab di ein!

MIRL:
Sie, hallo, Schwester, schaun Sie bitte nach, ob sie vielleicht schon wieder unten steht, die Funsen mit die blondgfärbten Haar! Nicht hereinlassen! Sie will ja nur schaun, ob ich nicht schon krepiert bin, dieser arrogante Trampel! Arroganter Trampel, jawohl, das ist sie! – Ah, darf eh keiner herein? Sehr gut, hervorragend, braucht mich keiner zu sehn, in diesem Zustand. Nicht einmal ordentlich gekämmt bin ich, was soll denn das? – Komisch, dieses Wort Trampel bewegt sich so eigenartig in meinem Mund. Wälzt sich so pelzig herum. (Schmeckt im Mund das Wort ab:) Trampel. Trampel. Trampel.

GOGOL:
Selber Trampel! Selber Trampel!

Dunkel. Musik.