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Kaiserverlag

Sarajevo – Die Toten tanzen noch

Profitheater Aktuell Dramatik, Zeitstücke Musikdramatische Werke
Autor:
Konstantin Moreth / Mitarbeit: Franck Oskar Schindler
Besetzung: 37 Rollen spielbar mit 5 DarstellerInnen
Musik:
Juri Kannheiser
Typ:
Musikalisches Theaterstück

Ein skurril düsterer Reigen. Ein Tanz auf dem Vulkan. Ein Requiem. Eine Ode an das Leben.
Die Belagerung von Sarajevo bildet den Hintergrund einer morbiden, gleichwohl lebenshungrigen Erzählung. Da wo der Tod am nächsten ist, brennt das Leben am hellsten.
Adem arbeitet in einer Kneipe in Sarajevo. Nacht für Nacht. Adem schläft nicht mehr.
Seit er im Krieg seine große Liebe gefunden und wieder verloren hat, lebt ohne Ziel vor sich hin, umgeben von den immer gleichen Gästen, heimgesucht von den Dämonen seiner Vergangenheit, des Krieges und der Liebe. Abend für Abend erwachen die Geschichten, werden Lieder gesungen, und die Toten sind allgegenwärtig …
Und dann ist da noch dieser Cellist. Vedran Smailovic. 27. Mai 1992. Eine Mörserattacke der Serben auf einen Platz, der 22 Menschen zum Opfer fallen, weil sie um Brot anstanden. Nach diesem Angriff nahm Smailovic sein Cello und spielte 22 Tage lang mitten auf verschiedenen Plätzen der Stadt, im Fadenkreuz der Scharfschützen für die Opfer und überlebte es. Dies ist ein universelles Bild für Menschlichkeit angesichts einer menschenverachtenden Situation, wie sie die Belagerung von Sarajevo darstellt.

Die Berichte vom Balkan waren nachhaltig erschütternd. Die „Firnis der Zivilisation“ ist nach wie vor dünn, das zeigt uns dieser Krieg noch immer auf unbarmherzige Art und Weise. Wenn wir nun sehen, wie in vielen Ländern Europas – das zumindest uns und unseren unmittelbaren Nachbarn eine lange Phase Frieden, Demokratie und Wohlstand gebracht hat – wieder die fnsteren Geister des Nationalismus und Rassismus in Massen Anhänger fnden, wirkt der Balkankrieg als ein Fanal, als eine eindringliche Warnung.


Leseprobe

Die Lebenden, die Toten und die lebend Toten
Träge (orientalische?) Musik. Eine Kneipe, früher Abend; noch scheint die Sonne hinein.
Mit der Dämmerung schälen sich Gestalten aus dem Mobiliar, „erwachen zum Leben“.

ADEM: Ich stehe hier oben auf dem Igman und blicke über mein geliebtes Land. Im Tal meine verletzte Stadt, Sarajevo. So friedlich liegt sie dort. Wie eine weiche Gemahlin, dich hoffnungsfroh in ihrem Bett erwartend. Schwarzkiefern schmiegen sich an felsig-steile Hänge, die Sonne küsst die Wipfel der Wälder, bevor sie sich in vorläufigen Ruhestand begibt, die Miljacka schlängelt sich verträumt dem Morgenland entgegen.
Doch in den immer länger werdenden abendlichen Schatten lauern die Monster der Vergangenheit, sie strecken ihre Fratzen und erwachen. Schönheit verrottet und die Illusion einer friedlichen Zukunft zerfällt wie ein morscher Baumstumpf, auf den man aus Unachtsamkeit tritt...

TIMUR: Adem, lass gut sein! So kannst Du nicht anfangen! Sag irgendwas Fröhliches, schlimm wird's noch früh genug.

ADEM: So, Klugscheisser. Dann leg du doch mal los, wenn du weisst, wie es geht!

TIMUR: Naja gut also: Ich für meinen Teil mochte die Belagerung. Ok, nix zu fressen, kein
Strom, die ewigen Angriffe, das war schon abartig. Aber dafür konnte man praktisch jederzeit Sex haben. Alle Weiber waren wahnsinnig anhänglich. Und es ging immer ums Ganze. Weil ... na klar, weils ja jeden Moment vorbei sein konnte. Mein Gott, hab ich rumgevögelt damals! Nicht zu fassen! Einmal hatte ich so ne herbe Kroatin am Start, die war ungefähr zwei Köpfe größer als ich. Geschichtslehrerin oder so. Mann, hätte ich gelernt, wenn ich die im Unterricht gehabt hätte! Jedenfalls, da unsere Wohnung immer voll von allen möglichen Verwandten war, trieben wir es oft irgendwo draußen, und an dem speziellen Abend in einem abgewrackten Auto. Und wie wir grade auf den Höhepunkt zusteuern, schlägt in unserer Nähe eine Granate ein, schiebt das ganze Auto meterweit an ein Haus und ich nagele sie buchstäblich an die Wand, wir kommen beide gleichzeitig in einem Wahnsinn aus Extase und Todesangst. … Das Blöde war, danach konnte irgendwie nichts mehr kommen, das war einfach der ultimative Kick. ... Wir haben uns dann aus den Augen verloren.

SEV: Das Irre ist, dass ich Dir diese Geschichte glaube, ich weiss selbst nicht warum.

TIMUR: Ja, Mann, so was kann man doch nicht erfinden!

SEV: Was wollt ihr wissen? Die ganzen hässlichen Details? Warum seid ihr gekommen?
Um etwas über einen Scheiß-Krieg anzuschauen, der fast ein Vierteljahrhundert vorbei ist? Euch ein bisschen gruseln? "Wie konnte das passieren, mitten in Europa?" "Was für eine Barbarei!" "Aber diese Jugos, die waren ja immer schon ein bisschen blutrünstig, weiß man ja."